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Orgel Öllingen

Die Schmahl-Orgel der ev. Ulrichskirche Öllingen

 

Die Heiligenpflegerechnungen der Kirchengemeinde Öllingen sind nur bis in das Jahr 1747 und erst wieder nach 1771 erhalten, sämtliche Unterlagen der dazwischen liegenden 24 Jahre gelten als verschollen. Auch ist keinerlei Briefkorrespondenz mit Georg Friedrich Schmahl, geschweige denn ein Akkord über einen Orgelneubau in der Öllinger Ulrichskirche vorhanden. Somit ist anzunehmen, dass der Orgelbau, welcher im originalen Werksverzeichnis mit 8 Registern jedoch ohne Jahreszahl aufgeführt ist (*1), in diesem Zeitraum stattgefunden haben muss. Allerdings sind dank einer Inschrift auf einer von Schmahl erbauten Pfeife als wahrscheinlicher Zeitraum des Neubaus die Jahre zwischen 1748 und 1755 ermittelbar.

 

Bis zum Orgelneubau im Jahre 1893 sind drei Reparaturen oder Umbauten nachgewiesen (*2):

Im Jahre 1801 arbeitete Georg Friedrich Schmahl d.J. für 25 Gulden an der Orgel.

Im Jahre 1834/35 war Friedrich Goll ebenfalls für 25 Gulden beschäftigt.

Im Jahre 1856/57 arbeiteten die Gebrüder Link für 43 Gulden und 36 Kreuzer an der Orgel. Eine Abnahme ist von Johann Friedrich Dieffenbacher aus Ulm bescheinigt.

 

Orgelrevident Johannes Graf bestätigte am 3. August 1891 in einem erhaltenen Gutachten der Orgel Schmahls die technische und musikalische Untauglichkeit. Auch benannte er die momentane Disposition (*3).

 

„[…] Wohl hat die Orgel einige noch gut erhaltene Bestandteile. Es scheint jedoch […] aus Überbleibseln eines alten Werkes und neu eingefügten Teilen zu einem Ganzen vereinigt worden zu sein, das in dieser Zusammensetzung als durchaus geschmacklos, wenngleich als unbrauchbar zu bezeichnen ist. […]“

 

Die Orgel zählte nach Grafs Auflistung im Jahre 1891 acht Register:

 

Manual

Gedackt          8’

Salicional       8’

Flöte                 4’

Prinzipal          2’

Quinte              1 1/3’

Oktav               1’

 

Pedal

Subbaß            16’

Oktav                 8’

 

 

Graf riet zu einem Orgelneubau und schlug eine Übernahme brauchbarer Register ins Konzept der neu zu erstellenden Orgel vor. Hierzu vermerkte er:

 

„[…] Als brauchbar erscheinen mir die nachfolgenden Register […] Gedeckt 8’, Salicional 8’, Flöte 4’, Oktav 8’, Subbaß 16’ zu den drei erstgenannten müsste je das tiefe cis, die Fortsetzung der Pfeifen bis f’’’ neu gemacht werden. Desgleichen wären bei beiden Pedalregistern eine hohe Oktave und noch zwei untere Töne (also bis d) beizufügen. […]“

 

Die erhaltene Neubauofferte (*4) der Gebrüder Link aus dem Jahre 1891 beinhaltete nun ein neues Werk mit neun Registern, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. Die von Graf zur Übernahme ins neue Konzept empfohlenen Register sind auch hierin als alte, jedoch überarbeitete Register vermerkt.

Das Abnahmegutachten von Graf aus dem Jahre 1893 bescheinigte „[…] alles in allem ein Meisterwerk […]“, in welches geschickt alte Teile integriert werden konnten (*5).

 

Im Zuge der Kircheninnenrenovierung in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Orgel wiederum durch die Werkstätte Link auf die neue Empore versetzt und zum Zwecke der „Klangaufhellung“ um einen Prinzipal 2’ im zweiten Manual erweitert (*6).

 

Untersuchungen und Recherchen in den Jahren 2008 und 2009 ergaben folgende Tatsachen:

Die heute noch bestehende romantische Orgel der Gebrüder Link von 1893 enthält von der Orgel Georg Friedrich Schmahls neben den noch originalen Holzregistern Gedeckt 8’ und Flöte 4’ das Gehäuse mit der um insgesamt 60 Zentimeter verbreiterten Prospektfront, sowie den dazugehörigen Seitenteilen samt Füllungen. Die Rückwand fiel spätestens dem Neubau 1893 zum Opfer. Abgesägte Zinkenverbindungen an den seitlichen Gehäusekronen deuten auf eine ursprüngliche Gehäusetiefe von lediglich 54 Zentimetern hin.

 

Auf Grund dieser beengten Platzverhältnisse im historischen Gehäuse scheint die Angabe von acht Registern im Werksverzeichnis Schmahl falsch zu sein. Bei der Öllinger Orgel dürfte es sich um den kleinsten Typus der Schmahl’schen Orgelbauwerkstätte gehandelt haben: ein sechsregistriges Werk der Kategorie 1. Bestätigend hierzu lassen sich im originalen Untergehäuse neben dem verschlossenen ehemaligen Klaviatureinschub auf jeder Seite jeweils drei verschlossene Öffnungen für Registerzüge feststellen.

 

Das Werk hatte somit die gleicher Registeranzahl und höchstwahrscheinlich auch die gleiche Disposition, welche von Schmahls Orgel in Schalkstetten erhalten ist (*7). Mit Hilfe der Aufzeichnungen Grafs von 1891 lässt sich damit heute folgende Disposition rekonstruieren:

 

Großgedeckt              8’

Principal                     4’

Flöthen                       4’

Octav                           2’         vermutlich Prospektregister

Quint                           1 1/3’

Mixtur 2fach               1’

 

 

Auf der Pfeife des Tones C des übernommenen Registers Gedeckt 8’ sind Bleistiftsignaturen erhalten, die Hinweise über das Aufstellungsjahr, sowie über die Umbauten im Laufe des 19. Jahrhunderts geben. Folgende Aufschriften sind zu entziffern:

 

„…

1755

Rep

G …

Joh A [M?]

Schm.

 

1835 Rep von [?]

Goll aus …

bey …

18. Sept Rep …

1857

Gebr Link Orgelbauer [?]

aus Giengen a/d Br

nur neues Salicional

gemacht“

 

 

Aus diesen Notizen ließe sich schließen, dass Johann Matthäus Schmahl („Joh M Schm.“), der ältere Sohn Georg Friedrichs, bereits gemeinsam mit diesem das Instrument gebaut haben könnte und kurze Zeit später im Jahre 1755 eine erste Reparatur durchführte.

Der nächste Vermerk weist auf die Reparatur der Orgelbauwerkstätte Friedrich Goll hin.

Vermutlich erweiterte dieser die Orgel um die von Graf erwähnten zwei Pedalregister, Subbass 16’ und Octav 8’. Dass es sich hierbei um ein Pedalwerk mit lediglich 12 Tönen Umfang handelte, beweist zum einen der Vermerk Grafs mit dem Hinweis einer Erweiterung des Tonumfangs um eine Oktave nach oben, als auch der Befund vor Ort, dass es sich bei der Bauart der tiefen Oktave beider Register um ältere Pfeifen handelt, die nicht aus dem Hause Link stammen. Auch die von Graf geforderte Mensurerweiterung durch Rückung um einen Halbton ist hierbei feststellbar.

Die Gebrüder Link, die wenige Jahre vor der Reparatur in Öllingen im nahen Giengen ihre Orgelbauwerkstatt eröffneten, bauten 1857 einen weichen achtfüßigen Salicional in die Orgel ein, der vermutlich den Schmahl’schen Principal 4’ ersetzte. Außerdem reduzierten sie wahrscheinlich die hoch klingende zweifach besetzte Mixtur auf eine einchörige Oktav 1’.

 

Diesen Zustand des Instrumentes fand Johannes Graf bei der Niederschrift seines Gutachtens im Jahre 1891 vor.

Die heute noch erhaltene romantische Link-Orgel von 1893 vereint somit die originalen barocken Register Großgedeckt 8’ und Flöthen 4’ von Georg Friedrich Schmahl mit den beiden frühromantischen Register Subbass 16’ und Octavbass 8’ von Friedrich Goll, sowie dem hochromantischen Salicional 8’ der Gebrüder Link.

 

Orgel 01

 

Link-Orgel von 1893 mit verbreitertem Schmahl-Gehäuse

 

 

Orgel 02

 

Ansatz der Gehäuseverbreiterung

 

 

Orgel 03

 

ehemalige Gehäusetiefe         

 

  

Orgel 04

 

Signatur auf C des Großgedeckt 8’  

 

 

Orgel

 

Signatur auf C der Flöthen 4’

 

 

Vermutlich anlässlich des bevorstehenden - oder bereits erfolgten - Orgelneubaus durch Schmahl trug der in Öllingen wirkende Organist Joseph Gruber Choralsätze und einfache freie Werke für die von ihm gespielte Orgel zusammen.

Sein bis heute erhaltenes „Corahl/ und Schlag Buch“ (*8), datiert auf 1751 und von Schulmeister und Organist Johann Lackey aus Holzkirch am 14. Februar 1771 hergestellt, ist somit eine wertvolle Quelle, welche die Praxis des feiertäglichen Spiels einer Schmahl’schen Orgel im 18. Jahrhundert bezeugt.

 

 

Choralbuch 01

 

Titelseite des Corahl/und Schlag Buch     

 

 

 

Choralbuch 02

 

Choralsatz mit vollgriffigen Akkorden

 

 

 

Choralbuch 03

 

freies Vor- oder Nachspiel Menuet    

 

 

 

Choralbuch 04

 

unausgesetzte, bezifferte Generalbass-Strophe

 

Fußnoten:

 

1: Eine zeitgenössische Auflistung aller neu gebauten Orgeln G.F. Schmahls liegt im Stadtarchiv Ulm.

2: LandeskirchlichesA Stuttgart: Inventar-Nr. 214 PfA Öllingen, Heiligenpflegerechnungen.

3: LandeskirchlichesA Stuttgart: Inventar-Nr. 214 PfA Öllingen, Gutachten Johannes Graf vom 03. August 1891.

4: LandeskirchlichesA Stuttgart: Inventar-Nr. 214 PfA Öllingen, Neubauofferte Gebrüder Link.

5: LandeskirchlichesA Stuttgart: Inventar-Nr. 214 PfA Öllingen, Abnahmegutachten Graf 1893.

6: Manecke/Mayr, Historische Orgeln in Ulm und Oberschwaben; S. 110.

7: Manecke/Mayr, Historische Orgeln in Ulm und Oberschwaben, S. 120: Heiligenpflegerechnungen Schalkstetten, darin Disposition von Schäfer aufgezeichnet.

8: Das Buch wurde 1999 restauriert und steht im Stahlschrank des Pfarramtes Asselfingen im Alb-Donau-Kreis.

 

(Verfasser: Hans-Martin Braunwarth, Heilbronn / Langenau - 2015)

 

 

 

Der Ulmer Orgelmacher Georg Friedrich Schmahl

 

Georg Friedrich Schmahl wurde am 15. November 1700 in Heilbronn als Sohn des dortigen Stadtorgelmachers Johann Michael Schmahl geboren. Nach seinen Brüdern Georg Christoph und Johann Friedrich erlernte er als dritter Sohn den Beruf des Orgelmachers in der väterlichen Werkstatt.

 

Schon sein Vater und seine älteren Brüder arbeiteten im ganzen Herzogtum Württemberg und verbreiteten den guten Ruf der Orgelmacherfamilie.

So kam es, dass Georg Friedrich Schmahl vermutlich ab 1725 mit dem Ulmer Stadtorgelmacher Chrysostomus Baur zusammentraf, als Geselle bei ihm arbeitete und nach dessen Tod im Jahre 1730 zum reichsstädtischen Orgelmacher in Ulm berufen wurde.

 

Als seine erste Arbeit war er, wie schon sein Vorgänger, mit dem Umbau der Orgel des Münsters beschäftigt, der allerdings schlussendlich dem Umfang eines Neubaus nahe kam. Schmahl schuf ein Werk mit 45 Registern auf drei Manualen, welches nach dem Instrument Josef Gablers in der Reichsabtei Ochsenhausen die für die damalige Zeit zweitgrößte Orgel im süddeutschen Raum darstellte.

 

Ab 1730 bis zu seinem Tod am 26. August 1773 erstellte er hauptsächlich in Ulm und dem dazugehörigen reichsstädtischen Territorium, aber auch im Herzogtum Württemberg rund 45 Orgeln.

 

(Verfasser: Hans-Martin Braunwarth, Heilbronn / Langenau - 2015)

 

 

 

Die Orgelbauwerkstätte Link in Giengen

 

Die Zwillingsbrüder Johann (1821-1871) und Paul Link (1821-1891) gründeten im Jahre 1851 in Giengen an der Brenz eine eigene Orgelbauwerkstätte. Den Beruf des Orgelbauers erlernten die Brüder in ihrem Heimatort Spaichingen beim dort ansässigen Orgelmacher Anton Braun.

Weitere wichtige Impulse erhielten die beiden Brüder bei Eberhard Friedrich Walcker in Ludwigsburg, dem wohl innovativsten Orgelbauer der damaligen Zeit.

Durch die Errichtung ihrer ersten eigenen Orgel, dem „Opus 1“, welche sie für die Stadtkirche in Giengen erbauten, nutzten sie dort die Gelegenheit zur Firmengründung.

 

In den ersten beiden Jahrzehnten der Firmenexistenz erbauten die Gebrüder Link hauptsächlich kleinere ein- und zweimanualige Instrumente für die Stadt- und Dorfkirchen der Ulmer und Heidenheimer Alb, Hohenlohe und Oberschwaben.

Als im Jahre 1885 die erste Orgel nach Übersee - das Werk kam in der St. Annen-Kathedrale im indischen Bombay zu stehen - gebaut wurde, war dies der Auftakt für die Expansion der Orgelbauwerkstätte, die sich zu einer der größten und erfolgreichsten Betriebe in Süddeutschland entwickeln sollte.

 

Ab etwa 1890 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte die Firma ihre quantitativ produktivste Phase. Vom Werk am Firmenstammsitz in Giengen und dem Zweigbetrieb im belgischen Namur verließen in dieser Zeit nicht weniger als rund 450 neue Orgeln die Werkstätten, die ihre Aufstellungsorte in ganz Europa, Südamerika, der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika, Indien, China und Japan fanden. In diesen Zeitraum fiel außerdem auch der Bau des größten Instruments der Werkstätte Link: Das im Jahre 1910 erbaute Werk für die Ulmer Pauluskirche mit ihren 58 Registern wurde zusammen mit dem neu erbauten Gotteshaus im Beisein der württembergischen Königsfamilie eingeweiht.

 

Schwere Zeiten hatte die Werkstätte Link während der beiden Weltkriege zu überstehen, praktisch die gesamte Belegschaft war jeweils zum Kriegsdienst eingezogen worden.

 

Die nach dem Zweiten Weltkrieg beginnende Zusammenarbeit mit Helmut Bornefeld, der in Gestalt der Orgelbaufirma Link einen geeigneten Partner zur Verwirklichung seiner Orgelprojekte gefunden hatte, führte die Werkstatt zu einer zweiten Blüte des Orgelneubaus.

 

Seitdem in den 80er Jahren die Tätigkeit der Orgelkonservierungen begannen, werden parallel neben den wieder nach klassischen Bauprinzipien errichteten Orgelneubauten historische Instrumente aus dem 18., dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert fachgerecht restauriert.

 

Seit dem Jahre 2003 firmiert die Werkstätte unter dem Namen „Giengener Orgelmanufaktur Gebrüder Link GmbH“ und kann seit ihrer Gründung auf die große Zahl von rund 1090 neu erbauten Orgeln blicken.

 

(Verfasser: Hans-Martin Braunwarth, Heilbronn / Langenau - 2015)